SUP Greyerzersee

...oder Überraschung in wirbelndem Grau

Heute ist mein erster Turn mit dem Trockenanzug Quantum Race von Dador. Ich studiere seit Tagen regelmässig die Wetterprognose, da ich mir einfach in den Kopf gesetzt habe, eine grössere Runde auf dem mir noch unbekannten Greyerzersee bei verschneiter Umgebung zu machen.

Schön winterliche Stimmung

Die Prognose lässt zwar nicht eitel Sonnenschein erwarten, aber ein wenig Sonne und evtl. etwas leichten Schneefall.
Bei meiner Ankunft im nordöstlichen Teil des Sees ist der Himmel schwer wolkenverhangen. Während die Pumpe mein Board aufpumpt ziehe ich mich mit ungeschützt auf dem Schnee stehenden Füssen um. Erstes Learning: Eine isolierende Matte kaufen. Nach gut 10 min ist das Board bereit, ich benötige noch etwas länger.
Als ich aufs Wasser will, streikt meine GoPro 6, sie hat sich unvermittelt auf Werkseinstellungen zurückgesetzt. Wahnsinnig zuverlässig… Mit bereits jetzt klammer werdenden Fingern und fluchend ob dem ach so tollen neuen Modell konfiguriere ich sie neu.
Dann geht es endlich – mit richtig kalten Fingern – aufs Wasser, zuerst ist es auch schön ruhig. Je näher ich mich von der geschützten Bucht her dem offenen See nähere, spüre ich den doch relativ starken Wind. Ist paddle in die nächste Bucht und geniesse die Stille. Gemütliche paddle ich sanft um ein an einer Boje vertäutes Boot herum. So geht es weiter, die Ruhe ist einfach schön und die Landschaft präsentiert sich ob des tristen Wetters zwar nicht in Hochglanz, aber schön winterlich. Kalt habe ich nicht, der Anzug schützt mich gut.
Mein Ziel heute ist, auf der nahegelegenen Insel meinen Lunch zu geniessen. Ich paddle eine Weile direkt gegen den Wind, welcher aus Süden der Länge nach über den See bläst.
Langsam muss ich Richtung Insel. Während ich den See quere, sehe ich Richtung Süden den nahegelegenen Hügel verdächtig in Weiss verschwinden und denke „oh oh…, da kommt was.“ Also schnell Richtung westliches Ufer. Innert drei Minuten wechselt die Stimming komplett, ich sehe mich unvermittelt in einem Schneegestöber mitten auf dem See wieder.

Ich finde mich überraschend in einem Schneegestöber wieder


Einige Zentimeter Schnee in wenigen Minuten. Rückweg, wo bist du?

Ich suche festen Untergrund beim bereits anvisierten Camping, ziehe mit meinen mittlerweile total kalten Fingern mein Board das Ufer hinauf und versuche, meinem als Sicherheit informierten Kollegen zu schreiben, dass er keinen Notruf absetzt. Nur kriege ich den wasserdichten Beutel in dem mein Handy steckt nicht auf, der obere Rand des Zips ist abgerissen. Alle Versuche scheitern, ich kriege das Scheissteil nicht auf! Ein Blick in die Umgebung lässt mich realisieren, dass ich ja gar nicht mehr sehe, in welcher Richtung mein Rückweg liegt. Die Sichtweite ist ca 20m. Wie soll ich da zurück finden?!
Seit ich an Land bin schneit es intensiv, bereits nach weniger als 10 min habe ich einige Zentimeter Neuschnee auf dem Board, die mitgenommene Schwimmweste ist kaum mehr zu erahnen. Meine Hände werden ohne Handschuhe noch kälter und ich kann kaum mehr etwas greifen. Auch die Schuhe lassen mich die Kälte des Schnees auf dem ich stehe immer mehr mehr spüren.

Aufwärmen um jeden Preis

Um endlich etwas Klarheit zu kriegen zerbeisse ich den extrem zähen Kunststoffbeutel mit meinen Zähnen, um an das Handy zu gelangen. Es fallen sofort Schneeflocken auf den Touchscreen, das Handy lässt sich kaum bedienen. Ich kann den Kollegen aber kontaktieren und finde die ungefähre Richtung meines Ausgangspunktes heraus. Nun heisst es abwarten, die Niederschlagszelle sollte in Kürze vorbeigezogen sein. Ich versuche meine schmerzenden Hände irgendwie aufzuwärmen.
Nach ca 20 min lässt der Schneefall etwas nach, ich steige sofort aufs Board und paddle zurück. Meine Pulsuhr hat mittels GPS meine bisherige Route aufgezeichnet und hilft mir dabei, den kürzesten Rückweg über den See zu finden. Es ist mittlerweile halb vier Uhr, bald beginnt bereits die Dämmerung. Während ich paddle merke ich, wie sich das Board komisch anfühlt und auch die Geräusche vom See sind ungewohnt. Ich realisiere, dass die Wellen in der letzten halben Stunde Faktoren höher geworden sind, sie glucksen regelrecht. Also setze ich mich sicherheitshalber aufs Board und paddle so weiter. Derweil klart der Himmel wieder auf, es gibt grössere blaue Stellen, es ist eine spezielle Stimmung. Hier blau, dort bedrohlich dunkelgrau.
Ich spüre ich meine Finger kaum mehr und will möglichst schnell zurück zum Wärme versprechenden Auto. Die Finger verlangen aber jetzt Wärme also mache ich eine knappe Minute Pause und wärme sie so gut es geht, dann geht es sofort weiter. Endlich bin ich wieder im Seitenarm von wo ich gestartet bin. Das Wasser ist hier wieder ruhig und ich kann den Rest im Stehen paddeln.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gelange ich bei meinem Auto an, lasse ich alles stehen und liegen und setze mich hinein, lasse den Motor an und wärme mich ein paar Minuten. Danach muss ich dummerweise wieder raus. Es schneit wieder stark, was das Aufräumen ziemlich erschwert. Auch ist das Board ab der Kälte so steif, dass ich es kaum falten kann. Dann muss ich mich wieder mit den eh schon klammen Zehen auf dem Schnee stehend umziehen. Dies stellt sich ab den engen Manschetten an den Füssen gar nicht so einfach an. Danach steige ich kurzerhand ohne Socken, welche ich auf die Schnelle im Kofferraum zwischen all dem Material nicht finden kann, in meine Schuhe und schmeisse alles Material irgendwo ins Auto. Hauptsache schnell zurück an die Wärme.

Schlussendlich muss ich eingestehen, dass sich der Aufwand nicht gelohnt hat. Und dass ich die Bedingungen etwas unterschätzt hatte, der Wind war stärker, der Himmel grauer, der Schneelfall intensiver und die Zeit knapper, als gedacht. Der Anzug hat mich zusammen mit der Funktionswäsche darunter aber stets warmgehalten, die Extremitäten waren temperaturmässig allerdings absolut am Limit.
Aber: Ich habe viel gelernt. Nächstes Mal klappt es besser. Und ich werde eine isolierende Matte zum Umziehen dabei haben 😉